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  Florian

Wie geht
Florians Geschichte weiter ?

 
 




In Florians Zeugnis am Ende des ersten Schuljahrs schreibt die Lehrerin:

"Florian gab sich große Mühe, dem Unterrichtsgeschehen aufmerksam zu folgen. Dennoch fiel es ihm schwer, Arbeitsanweisungen verstehend anzuhören und eine Arbeit danach zu beginnen. Umfangreichere oder von bisher Geübtem abweichende Aufgaben vermochte er noch nicht zu bewältigen. Seine Hausaufgaben waren jedoch pünktlich und vollständig, wenn auch nicht immer sorgfältig angefertigt.

Florian ist noch nicht sicher in der Unterscheidung der Schriftzeichen. Besonders bei ähnlichen Buchstaben unterliefen ihm immer wieder Verwechslungen.
Das Lesen bekannter Texte ging noch sehr langsam und bereitete ihm viel Mühe. Unbekannte Texte konnte er ohne Hilfe nicht erlesen.

Sein Schriftbild ist noch sehr ungleichmäßig und ungelenk und es gelang ihm nicht, die Linien einzuhalten. Beim Abschreiben nach Vorlage unterliefen ihm zahlreiche Fehler. Das Schreiben bekannter Wörter nach dem Hören gelang ihm noch nicht. -

Im erarbeiteten Zahlenraum bis 20 rechnete Florian Plus-, Minus- und Ergänzungsaufgaben recht sicher und geläufig und auch den Zehnerübergang bewältigte er. Er hatte großes Interesse an sachkundlichen Themen."

Auf Anraten der Lehrerin wiederholt Florian das erste Schuljahr. Seine Leistungen haben sich nach diesem zweiten Durchgang etwas verbessert. Er beherrscht jetzt die meisten Buchstaben, doch das Lesen ist immer noch sehr holprig und es gelingt ihm oft nicht, den Sinn des Gelesenen zu erschließen. Im Rechenunterricht und schließlich auch in den anderen Fächern beginnt er mehr und mehr zu stören, seine Schrift verbessert sich kaum.

Die Lehrerin schreibt: "Florian stört und gibt sich zu wenig Mühe. Er lässt sich leicht ablenken und kontrolliert seine Arbeit nicht nach."

Im zweiten Schuljahr verringert sich sein Rückstand im Lesen und Schreiben gegenüber den Klassenanforderungen jedoch nicht, obwohl Florian regelmäßig am 14tägigen Stützunterricht teilnimmt. Inzwischen treten auch Probleme im Mathematikunterricht auf, vor allem bei den Textaufgaben und beim Einmaleins.

Florian bleibt ein schlechter Schüler. Am Ende der dritten Klasse schafft er nur knapp die Versetzung. Die Lehrerin meint zu Florians Mutter: "Vielleicht wäre er auf der Förderschule besser aufgehoben." -

Florians Eltern sind ratlos. Soll ihr Kind wirklich ein Fall für die Förderschule sein? In Situationen des Alltags hat er sich doch oftmals als helles Köpfchen erwiesen. Solange es nicht zwingend ist, wollen sie ihm die Förderschule ersparen, denn wie sieht wohl die Zukunft eines Förderschülers aus? Viele Betriebe wollen ja nicht mal Hauptschüler als Lehrling akzeptieren. -

Im vierten Schuljahr versuchen es Florians Eltern mit Strenge: Herrn R's Bruder (Florians Onkel) hat zu Florians Vater gesagt: "Der Bengel muss lernen, dass Schule nicht nur Spaß machen kann. Ohne Fleiß kein Preis." Florian soll eben so lange üben, bis er seine Sachen kann. Seine Mutter passt auf, dass er die Aufgaben macht und nicht entwischt. Wutausbrüche und Tränen wechseln sich ab. Bei Florian und bei seiner Mutter.




Es hilft alles nichts. Am Ende der vierten Klasse schafft er die Versetzung nicht und kommt auf die Förderschule.

Florian ist unglücklich. Seine ehemaligen Klassenkameraden wollen mit dem "Dummschüler" nichts mehr zu tun haben. Er schämt sich und erzählt niemandem, auf welche Schule er geht.

Mit dreizehn findet er eine Clique, in der Mutproben mehr zählen als schulische Leistungen. Und die besteht er glänzend: zum Beispiel das Ausbauen des Autoradios aus einem Wagen in der Tiefgarage.
Zum ersten Mal genießt er Ansehen unter seinen Freunden und wagt sich an immer riskantere Unternehmungen. Und er ist erfolgreich. Ein helles Köpfchen hatte er doch schon als kleiner Kerl, wenn's auch wohl nicht das Richtige für die Schule war. -

Ach ja, Schule. Die ist ihm nicht mehr wichtig. Wenn er sich drücken kann, tut er es. Natürlich findet er danach keine Lehrstelle. Ist es als Förderschüler nicht sowieso zwecklos, danach zu suchen?
Seine Eltern liegen ihm in den Ohren, doch wenigstens eine Arbeit anzunehmen. Doch sie haben keinen Einfluss mehr auf ihn. Längst hat er gelernt, dass Anstrengung sich nicht lohnt. Er träumt von einer Karriere, für die man keine Schule braucht.

Als er mit siebzehn beim Dealen mit geklauten Autoradios erwischt wird, sieht es erst mal wieder etwas düster aus für ihn. Vor Gericht kommt seine Kindheit zur Sprache. Doch da gab es nichts Besonderes. Er wurde nicht misshandelt und nicht vernachlässigt, er war bloß ein Schulversager. Das war eben so, da konnte man nichts machen. -

Florians Eltern sitzen stumm und mit sorgenvoller Miene in der Jugendgerichtsverhandlung. Was haben sie eigentlich falsch gemacht, dass ihr Sohn zum Dieb und Hehler geworden ist?

Der Richter scheint es zu wissen: Sie hätten es merken müssen, als Florian auf die schiefe Bahn geriet. Gab es nicht genug Anzeichen ? Wie war das doch mit dieser Jugendclique vor vier Jahren? Ist ihnen nie aufgefallen, dass der Junge Geld ausgab, über das er als Schüler und Arbeitsloser eigentlich nicht verfügen konnte? -

Herrn R's Bruder scheint es auch zu wissen: "Ihr habt ihn nicht hart genug angefasst. Da seht ihr, was daraus geworden ist.!"

Der Richter fällt ein pädagogisches Urteil und er redet dem Jungen mit väterlichem Ton ins Gewissen. Schließlich ist er noch jung und kann noch zur Vernunft kommen. Florian soll in einer städtischen sozialen Einrichtung einen Monat lang unentgeltliche Arbeit leisten.

Und danach? Was wird er dann tun?

***

Und was meinen Sie?

Ist Florians Geschichte ungewöhnlich oder nicht?
Wann und von wem wurden die Weichen in seinem Leben falsch gestellt?


Lisa   Top Seite