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Tomatis

ACADÉMIE NATIONALE DE MÉDECINE
16, RUE BONAPARTE - 75272 PARIS CÉDEX 06
TÉL : (1) 43 26 96 80 - FAX : (1) 40 46 87 55
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(Übersetzung des französischen Originaltextes)

BERICHT
einer Arbeitsgruppe*
Zum Antrag auf Kostenübernahme durch die
Krankenversicherung für die Tomatis-Methode

Paul PIALOUX

Es sei noch einmal in Erinnerung gerufen, dass die Tomatis-Methode auf der Hörumerziehung mit Hilfe eines „elektronischen Ohres" beruht. Es besteht gemäß seinen Erfindern aus einer Art beidohriger Hörhilfen, wobei die Ausgangssignale eine Verschiebung oder Transposition zwischen beiden Hörhilfen und/oder zu den Eingangssignalen erfahren. Dieses „Eingangssignal" scheint im wesentlichen aus Musik von Mozart zu bestehen.
Die Methode würde es erlauben - nach der Aussage ihres Autors in seinen zahlreichen Werbebroschüren - Stimmstörungen beim Sprechen und Singen, Legasthenie, Lateralitätsstörungen, Gedächtnis- und Verhaltensstörungen, Schizophrenie, Taubheit und Schwerhörigkeit zu behandeln. Außerdem würde mit dieser Methode das Erlernen von Fremdsprachen erleichtert. Die Wirkungsansätze, so der Autor, seien verschiedene. U. a. gehöre dazu eine Umerziehung des Mittelohres: „Mit Hilfe des Apparates gelingt es, eine auditive Gymnastik der Mittelohrmuskeln durchzuführen, aufgrund derer man ein rasches und dauerhaftes Ergebnis erhält" („Wir sind alle mehrsprachig geboren", Seite 19).
Diese Untersuchung befasst sich zum einen mit den Theorien von Tomatis, mit denen er das begründet, was er Audio-Psycho-Phonologie nennt. Zum anderen werden die Ergebnisse der Tomatis-Horchsitzungen untersucht, für die die staatliche Krankenversicherung aufkommen soll.


THEORIEN:

Grundsätzlich ist hier folgendes anzumerken:
1. Die Theorien bedienen sich nicht einmal ansatzweise einer üblichen medizinischen Argumentation.
2. Die Theorien von Tomatis sind nur in populärwissenschaftlichen Heften und Blättern erschienen. Es gibt keine Veröffentlichung in einer medizinischen Fachzeitschrift, welche sich an ein wissenschaftliches Publikum wendet.
Befassen wir uns mit den physiologischen Begriffen, die die Grundlage für die Theorien geliefert haben dürften.
„Das Gehör", sagt Tomatis, (warum gerade Mozart?, Seite 91), „ist stark von der Psyche beeinflusst, zumal 90% der Fasern des Hörnervenbündels vom Gehirn kommend zum Ohr führen".

*Bestehend aus: Boulard, Duche, Pialoux (Präsident); Gäste: Buffe, Chouard, Tran Ba Huy
Schon diese Voraussetzung ist grundsätzlich falsch. Der Hörnerv besteht zu 95% aus afferenten Fasern (die die Erregung von der Cochlea ins Gehirn weiterleiten) und zu 5% aus efferenten Fasern, welche zur Erregung der äußeren Haarzellen bestimmt sind.
„Die Haltung für das Hörerfassen ... erfordere eine aufrechte Position, welche die Aufladung des Gehirns begünstigt ... Das Ohr verhält sich wie ein Dynamo, und den größten Anteil der Energie, deren sich das Gehirn bedient, bezieht es geradewegs aus der Aufladung durch das Hörorgan" („Aber warum Mozart?", Seite 143).
Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die aufrechte Haltung für das Hören notwendig ist („günstigste Haltung für die Aufnahme von Sprache"), und noch weniger ist zu verstehen, wie sie die zentrale Ladung gewährleistet. Bei der Übertragung des Gehörten zu den Hörzentren wird keinerlei messbare Energie zur Aufladung der cortikalen Zentren transportiert.
- „Das Ohr führt im Bereich des Vestibulums alle Informationen aus dem gesamten Körper zusammen. Dies geschieht mit Hilfe von Sinnesumwandlern, also Generatorzellen des Ohres, insbesondere aus dem Corti-Organ" („Aber warum Mozart", Seite 144).
In keinem Fall wird die von den Hörrezeptoren aufgenommene Schallinformation, welche zu den Zentren weitergeleitet wird, zum Vestibulum, dem peripheren Gleichgewichtsorgan, geleitet. Das Konzept der Zentralisierung ist in keiner Weise bestätigt.
„Da jener (der Stapediusmuskel) vom Gesichtsnerv innerviert wird, erfahren auch die übrigen Gesichtsmuskeln eine besondere Gymnastik. Auch der Trommelfellspanner (tensor tympanie), der ebenfalls Bestandteil des Mittelohres ist und den Kiefer bewegt, fügt sich in Positionen, die in die neue Gesamtheit passen (wir sind alle mehrsprachig geboren", Seite 34).
Es ist zunächst richtig, dass der Gesichtsnerv den Stapediusmuskel innerviert. Aber es ist nicht nachvollziehbar, wie dieser, als eine rein motorische Einheit auf die übrige Gesichtsmuskulatur einwirken soll (und es ist noch weniger verständlich, inwieweit dieser Muskel ein höheres motorischen Zentrum sein soll!). Der Trommelfellspanner ist Antagonist zum Stapediusmuskel und wird vom Trigeminusnerv versorgt. Es ist schwer vorstellbar, in welche Position er sich fügen soll.
„Das Trommelfell ist ein hochsensibler Aufnahmeort für Sprache und wird wie der Stapediusmuskel vom Parasympatikus innerviert" („Wir sind alle mehrsprachig geboren", Seite 65).
Tatsächlich ist aber der Parasympatikus kein sensibler Nerv, und ebenso wird der Stapediusmuskel nicht vom Parasympatikus versorgt.
„Die Legastheniker sind zu 80% schwerhörig " (Zitat aus dem Heft der Audio-Psycho-Phonologie, Seite 4).
Demgegenüber belegen sämtliche Statistiken, dass der Anteil der Schwerhörigen1 unter den Legasthenikern genauso hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung.
„... das unmittelbare und vollständige audiophonologische Ineinandergreifen bis in den Cortexbereich wird repräsentiert im Wernickegebiet, welche nicht nur für das Hören und nicht nur für die Sprache zuständig ist, sondern beide Funktionen gleichzeitig repräsentiert, sozusagen als Kreuzung zwischen Hörreiz und sprachlicher Antwort" („Broschüre des Zentrum für Audio-Psycho-Phonologie", Seite 5).
Demgegenüber kann festgestellt werden, dass, wenn eine Wernicke-Aphasie auftritt, in der Regel aber nicht gleichzeitig eine Schwerhörigkeit gegeben ist. Ein Zusammentreffen wird als zufällig betrachtet.
Andere sogenannte physiologische Konzepte des Autors verdienen es nicht einmal, hier diskutiert zu werden, so z. B.:
- „Eine aufsteigende Kurve (des Audiogramms) ... führt zu einer aufrechten Haltung der Wirbelsäule mit maximaler Aufhebung der Krümmung im Hals- und Lendenbereich. Dagegen führt eine absteigende Kurve zu einem gerundeten, kyphotischen Rücken, wobei der Kopf und der Nacken nach vorn übergeneigt sind. Dies war bei Beethoven der Fall, der in Abhängigkeit von seiner Hörstörung immer mehr eine nach vorn übergebeugte Haltung einnahm ..." („Aber warum Mozart?", Seite 102).
- „Die großen Zyklen, denen es (das neurovegetative Nervensystem) folgt, lassen erkennen, dass die Sendestation nur der Kosmos selbst sein kann." („Aber warum Mozart?", Seite 148)
Derartige Zitate ließen sich weiter aufführen.

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DIE WIRKSAMKEIT DER TOMATIS-METHODE

Die Antwort ist einfach und klar.
Die Wirksamkeit der Tomatis-Methode ist nicht erwiesen, da sie nicht nachweisbar ist, und zwar aus mindestens zwei Gründen:
1. Bei Tomatis kamen niemals international anerkannte Hörprüfungsverfahren zur Anwendung. Die uns zahlreich vorliegenden Unterlagen zeigen, dass bei den angeblich schwerhörigen Patienten, die von Tomatis behandelt wurden, gar keine Schwerhörigkeit vorlag. Die audiometrischen Kurven, erstellt bei aufgesuchten HNO-Ärzten, waren vollkommen normal und widersprachen völlig denen, welche in Tomatis-Zentren gemessen wurden.

2. Die Verbesserungen und Erfolge, die von Tomatis berichtet wurden, gehören in den Bereich der Affekte, der Befindlichkeit, also in den Bereich des Subjektiven. Es ist schon möglich, dass ein Kind, welches in einem Audio-Psychologischen-Zentrum gefördert wird und dort in einer spielerischen Umgebung vor einen Bildschirm und eine Tastatur gesetzt wird, den Eindruck vermittelt, sich gebessert zu haben.

Beim gegenwärtigen Stand der Forschung bleibt es Tomatis überlassen, den Wert seiner Methode zu beweisen.
Unsere Aufgabe ist es, die Organe der öffentlichen Versorgung auf den äußerst zweifelhaften Nutzen der Tomatis-Methode aufmerksam zu machen. Nach allem ist die Kostenübernahme der Tomatis-Methode durch die Krankenversicherung nicht gerechtfertigt.


Die Akademie hat in ihrer Sitzung am Dienstag, dem 5. Januar 1993, diesen Bericht einstimmig angenommen.

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Tomatis und seine Epigone

Der französische HNO-Arzt Dr. A.A.A. Tomatis hat in mehreren Büchern ein Therapieverfahren vorgestellt, das - neben zahlreichen weiteren Krankheiten wie Gedächtnis- und Verhaltensstörungen, Schizophrenie, Taubheit und Schwerhörigkeit - bei Legasthenie helfen soll und von zwei wesentlichen Prämissen ausgeht:

Fötus-Hochtonhören
Der Fötus höre im Mutterleib während der letzten 14 Schwangerschaftswochen vorwiegend hohe Frequenzen, die er als akustisches Rebirthing verwendet.


Linksdominantes Hören
Eine wesentliche Ursache von Legasthenie sei ein linksdominantes Hören, das durch geeignete Maßnahmen auf rechtsohrig umzupolen sei.
Inzwischen gibt es zahlreiche weitere Einzelpersonen und Institutionen, die das Tomatisverfahren entweder unverändert - Unter Lizenzzahlungen an Tomatis - oder mit eigenen Ergänzungen anwenden, ohne das Tomatis-Grundmodell zu verlassen. Dazu gehört beispielsweise das Ehepaar Francois und Murielle Louche aus Frankreich. Unter dem Begriff der "Osteophonie" (auf Deutsch: Knochenklang) lassen sie eine Variante des Tomatis-Verfahrens aufleben, ohne die beiden vorgenannten Grundannahmen auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. In der Zeitschrift esotera findet sich in der August-Ausgabe 1997 ein mehrseitiger Beitrag von Dr. Jaan Klasmann zu dessen - subjektiv positivem - Erleben einer solchen Knochenklang-Sitzung.

Die Kombination des aus den beiden vorgenannten Prämissen abgeleiteten Tomatis-Hörtrainings besteht im wesentlichen aus einer mittels eines sogenannten elektronischen Ohres gefilterten Sprach- und Musikübertragung mittels Kopfhörern. Das elektronische Ohr stellt einen Hochpass dar, der mit einer in weiten Bereichen veränderbaren Eckfrequenz den Ohren zeitweilig nur hohe Tonfrequenzen darbietet. Dabei wird dem rechten Ohr, das es nach Auffassung von Tomatis und seinen Epigonen umzuerziehen gilt, ein um etwa 6 dB höheren Pegel zugeführt.

Tomatis gehört wohl zu den umstrittendsten Persönlichkeiten seiner Berufsgruppe. Von fanatischer Bewunderung seiner Anhänger und Patienten bis zu kältester wissenschaftlicher Ablehnung reicht die Skala. Einerseits scheinen alle wesentlichen Grundlagen kaum haltbar zu sein, andererseits wird immer wieder durch Eltern von Heilungserfolgen berichtet.

An eindeutigen wissenschatlichen Stellungnahmen liegt einmal ein Gutachten von Frau Dr. med. U. Petersen-Siebert vom Werner-Otto-Institut in Hamburg vor. Diese Stellungnahme - die von der Redaktion abgefordert werden kann - enthält auch eine umfängliche Berichterstattung über die einzige Doppelstudie zwischen dem Tomatis-Verfahren und einem Placebo-Training, bei dem die Kontrollgruppe nach zwei Jahren bessere Ergebnisse zeigte als die Untersuchungsgruppe. Anlass dieser Stellungnahme war ein Auftrag des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen Hamburg aufgrund eines Antrages auf Kostenübernahme für eine Tomatis-Therapie.

Ferner hat sich die französische ACADEMIE NATIONALE DE MEDECINE in einem mehrseitigen Gutachten nach einem Antrag französischer Krankenkassen auf Kostenübernahme mit der Tomatis-Therapie befasst. Der Schlusssatz dieses Gutachtens, das in Heft 1/1996 der deutschen HNO-Mitteilungen erschien und dessen voller Wortlaut im französischen Originaltext und in deutscher Übersetzung von der Redaktion abgefordert werden kann, lautet:

"Unsere Aufgabe ist es, die Organe der öffentlichen Versorgung auf den äußerst zweifelhaften Nutzen der Tomatis-Methode aufmerksam zu machen. Nach alledem ist die Kostenübernahme der Tomatis-Methode durch die Krankenversicherung nicht gerechtfertigt."

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