Jede wissenschaftliche Disziplin
hat ihre eigene Art, Fragen zu stellen, Vermutungen (Hypothesen)
zu formulieren, Dinge zu untersuchen oder zu diskutieren und Ergebnisse
zu interpretieren.
Zum Thema Legasthenie melden sich ganz unterschiedliche Fachrichtungen
zu Wort mit naturwissen-
schaftlich-medizinischen Experimenten, statistischen Erhebungen,
sozialwissenschaftlichen Modellen, psychologischen Tests, didaktischen
Konzepten und pädagogischen Erfahrungen.
Meist arbeitet jede Disziplin für sich und macht sich nicht
die Mühe, die Arbeiten von Vertretern anderer Fachrichtungen
zu lesen, um daraus ein umfassenderes Verständnis des Gegenstands
"Legasthenie" und der Situation der davon betroffenen
Menschen zu gewinnen.
Jahre hindurch hat bei uns in Deutschland sogar ein ideologisch
eingefärbter Streit, in dem eine Seite die Arbeitsweise und
die Erkenntnisse der anderen Seite nicht gelten ließ, jeglichen
Fortschritt in Richtung eines umfassenden Verständnisses blockiert
und in fruchtlosen Debatten, Behauptungen und Anschuldigungen erstickt.
Sehr langsam erst setzt sich die Erkenntnis durch, dass jede der
unterschiedlichen Disziplinen einen wertvollen Beitrag zur Erkenntnis
leisten kann und dass es nicht um die Frage geht, ob die Legasthenie
biologischen oder sozialen Ursprungs ist, sondern darum, auf welche
Weise biologische Voraussetzungen und soziale Einflüsse zusammenwirken
und gemeinsam das "Krankheitsbild" Legasthenie hervorbringen.
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